Geschichte

John Harrison und H4: Die Maschine, die Zeit in eine Koordinate verwandelte

Im 18. Jahrhundert konnte ein Schiff seine Nord-Süd-Position bereits erstaunlich gut bestimmen. Gefährlich war die andere Richtung: Wie weit war man nach Osten oder Westen geraten? Ausgerechnet ein englischer Tischler sollte dafür eine der außergewöhnlichsten Uhren der Geschichte bauen.

H4 mit Werk und Zifferblatt
H4 mit Werk und Zifferblatt. Foto: Jordiferrer, 2017, Royal Observatory Greenwich. CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons. · Wikimedia Commons

Man stelle sich den Atlantik in einer Nacht des 18. Jahrhunderts vor.

Keine Satelliten. Kein Funk. Kein GPS. Kein Bildschirm, auf dem ein kleiner Punkt beruhigend die Position des Schiffes zeigt. Nur Dunkelheit, Wind, arbeitendes Holz und ein Ozean, der in alle Richtungen weitergeht.

Der Kapitän kann den Himmel beobachten. Mit Sonne, Sternen, Instrumenten und Tabellen lässt sich die Breite recht zuverlässig bestimmen - also, wie weit nördlich oder südlich man sich befindet.

Die Länge ist das Problem.

Das Schiff kann der Küste viel näher sein, als alle glauben. Oder Hunderte Kilometer weiter östlich. Eine kleine Abweichung kann bedeuten, eine Insel zu verfehlen, an einem Hafen vorbeizusegeln oder eine Küste nachts auf die denkbar schlechteste Weise zu finden.

Jahrhundertelang beschäftigte dieses Problem Astronomen, Navigatoren, Mathematiker und Regierungen. Am Ende hing die praktische Lösung von etwas ab, das fast banal klingt: von der richtigen Uhrzeit.

Der Ozean brauchte eine Uhr

Das Prinzip war bekannt. Die Erde dreht sich in ungefähr 24 Stunden um 360 Grad. Eine Stunde Zeitunterschied entspricht daher 15 Längengraden; vier Minuten entsprechen einem Grad.

Kann ein Navigator den lokalen Mittag über die Sonne bestimmen und gleichzeitig eine genaue Referenzzeit eines Ortes mit bekannter Länge mitführen, lässt sich aus der Differenz die Ost-West-Position berechnen.

Auf dem Papier ist das elegant. Das schwierige Wort lautet genau.

Am Äquator entsprechen bereits vier Sekunden Zeitfehler ungefähr einer Seemeile in der Längenbestimmung. Addiert eine Uhr Tag für Tag kleine Abweichungen, wird aus einem mechanischen Detail nach Wochen auf See ein Navigationsproblem.

Hinzu kam: Die Uhren des 18. Jahrhunderts hatten einen Gegner, gegen den ein Salon keine Vorbereitung bot - das Schiff selbst. Eine Pendeluhr konnte an Land hervorragend gehen. Ein Haus stampft aber nicht durch Wellen, rollt nicht im Sturm und fährt nicht innerhalb weniger Wochen von englischem Klima in tropische Hitze.

Die Uhr musste die Ruhe der Werkstatt verlassen und lernen, mit dem Meer zu leben.

Mit dem Longitude Act von 1714 machte das britische Parlament die Aufgabe zu einer nationalen Angelegenheit und setzte hohe Prämien für eine ausreichend genaue Methode zur Längenbestimmung aus. Mit aller gebotenen Vorsicht kann man von einer Art Raumfahrtwettlauf des 18. Jahrhunderts sprechen.

Dann trat John Harrison auf.

John Harrison (1693-1776)
John Harrison (1693-1776). Kupferstich von Philippe-Joseph Tassaert nach Thomas King, 1768. Gemeinfrei. · Wikimedia Commons

Ein Tischler unter Astronomen

John Harrison war nicht der naheliegende Kandidat für eines der großen wissenschaftlichen Probleme seiner Zeit. 1693 geboren, hatte er als Tischler gearbeitet und sich die Uhrmacherei weitgehend selbst beigebracht.

Seine Stärke lag in einer seltenen Mischung: tiefem mechanischem Verständnis und der Weigerung, schlechtes Maschinenverhalten als unvermeidlich hinzunehmen, nur weil man es seit Generationen gewohnt war.

Nacheinander entstanden H1, H2 und H3. Große, komplexe, experimentelle Maschinen, die versuchten, die Zeitmessung vom Rollen des Schiffes, von Reibung und Temperatur zu entkoppeln.

Harrison arbeitete viele Jahre an H3. Dann veränderte sich sein Blick auf das Problem. Vielleicht brauchte der Ozean nicht noch eine größere Maschine. Vielleicht brauchte er eine kleinere.

1753 fertigte der Londoner Uhrmacher John Jefferys für Harrison eine Taschenuhr nach dessen Ideen. Ihr Gang war so überzeugend, dass Harrison einen Weg infrage stellte, den er seit Jahrzehnten verfolgt hatte.

Die Zukunft der Marinezeitmessung musste vielleicht gar nicht wie eine große Schiffsuhr aussehen. Vielleicht sah sie wie eine übergroße Taschenuhr aus.

1755 begann die Arbeit an H4. Vier Jahre später war sie fertig.

H4: riesig für die Tasche, winzig für eine Revolution

Neben H1, H2 und H3 wirkt H4 fast verstörend. Es sieht nicht nach nautischem Gerät aus. Eher nach einer Taschenuhr, die auf beinahe groteske Proportionen vergrößert wurde.

Das National Maritime Museum nennt einen Zifferblattdurchmesser von 102 Millimetern, Gesamtmaße von 165 × 124 × 28 Millimetern und ein Gewicht von rund 1,45 Kilogramm. Im Inneren finden sich Messing, Stahl, Silber, Diamant, Rubin, Kupfer, Email und Glas.

Entscheidend ist jedoch nicht die Größe. Entscheidend ist, was Harrison darin unterbrachte.

H4 bündelte Lösungen für die klassischen Feinde mechanischer Präzision: wechselnde Antriebskraft, Temperatur, Reibung, Bewegung und fehlende Isochronie. Keine einzelne Wunderidee. Ein ganzes System.

Werk von H4
Werk von H4. Foto: Mike Peel, 2015. CC BY-SA 4.0. Die Aufnahme zeigt die außergewöhnliche Dichte an dekorativer und mechanischer Arbeit. · Wikimedia Commons

Diamanten dort, wo andere Uhren Reibung fanden

H4 verwendete eine stark veränderte Form der alten Spindelhemmung. Harrison änderte ihre Geometrie und setzte winzige Paletten aus Diamant ein.

Das war kein Schmuck. In dieser Größenordnung zählt jeder Kontakt. Reibung bedeutet Energieverlust, Verschleiß und Gangabweichung. Eine extrem harte, sorgfältig bearbeitete Oberfläche ließ diese Kontakte kontrollierbarer werden.

Die Diamantpaletten waren so ungewöhnlich, dass sie Jahrhunderte später mit modernen Methoden der Mikroskopie und Beugungsanalyse untersucht wurden. Eine Studie in Annals of Science bezeichnet sie als frühes Beispiel für Diamant als technisches Hochleistungsmaterial.

H4 war deshalb keine wartungsfreie Zaubermaschine. Sie brauchte Schmierung, Pflege und Justierung. Harrisons Leistung bestand nicht darin, die Unvollkommenheit der Mechanik abzuschaffen, sondern sie in bemerkenswertem Maß zu beherrschen.

Energie, die man nicht spüren sollte

Jede federgetriebene mechanische Uhr kennt dasselbe Grundproblem: Die Zugfeder speichert Energie, liefert aber voll aufgezogen nicht zwangsläufig dasselbe Drehmoment wie kurz vor Ablauf der Gangreserve.

H4 nutzte eine Kette mit Schnecke - die Fusee -, um diese Schwankung auszugleichen. Während sich die Kraft der Feder änderte, veränderte die Schnecke die wirksame Übersetzung.

Hinzu kamen maintaining power, damit das Werk auch während des Aufziehens weiter mit Energie versorgt wurde, und ein Remontoire, das den Regler zusätzlich von Schwankungen des Räderwerks entkoppelte.

In der Präzisionsuhrmacherei reicht es nicht, Energie zu haben. Sie muss mit möglichst vorhersehbarer Wirkung ankommen.

Eine Uhr, die auf Wärme reagierte

Auch die Temperatur arbeitete gegen die Genauigkeit. Eine Reise von England in die Karibik konnte eine Uhr innerhalb weniger Wochen sehr unterschiedlichen thermischen Bedingungen aussetzen.

Harrison verwendete eine bimetallische Kompensation aus Stahl und Messing, die auf die Regulierung der Spirale wirkte. Da sich beide Metalle bei Temperaturänderung unterschiedlich ausdehnen, entstand eine korrigierende Bewegung.

Anders gesagt: Die Uhr konnte auf Wärme reagieren und einen Teil ihrer Wirkung ausgleichen - ohne Elektronik, Sensoren oder Software. Nur mit Materialeigenschaften, Geometrie und Elastizität.

Fünf Schläge pro Sekunde

Eines der faszinierendsten Merkmale von H4 ließ sich hören. Royal Museums Greenwich bringt es schön auf den Punkt: Das Geheimnis verriet sich im schnellen Ticken.

H4 machte fünf Halbschwingungen pro Sekunde. In heutiger Terminologie sind das 18.000 Halbschwingungen pro Stunde beziehungsweise 2,5 vollständige Schwingungen pro Sekunde.

Heute klingt das nicht extrem. 28.800 A/h wurden im 20. Jahrhundert alltäglich, 36.000 A/h sogar zum Markenzeichen mancher Kaliber. Für eine tragbare Uhr der 1750er-Jahre war die Energie und Geschwindigkeit von H4 jedoch außergewöhnlich.

Es ging nicht einfach darum, die Uhr 'schneller laufen' zu lassen. Ein energiereicher, stabiler Oszillator reagiert relativ weniger empfindlich auf kleine Störungen von außen. Harrison wollte, dass das Meer weniger Einfluss bekam.

Die Reise, die alles beweisen sollte

1761 war es so weit. Harrison war bereits 68 Jahre alt, daher nahm sein Sohn William H4 mit auf die Prüfungsreise der HMS Deptford nach Jamaika.

Die Uhr reiste nicht als persönlicher Gegenstand. Sie reiste als Experiment - und als Ergebnis von Jahrzehnten Arbeit.

In der Nähe von Madeira ereignete sich eine jener Episoden, die im Rückblick fast zu gut für eine Erzählung wirken. William berechnete mit H4, dass Land früher erscheinen müsste, als die Besatzung erwartete. Die Vorhersage beeindruckte den Kapitän.

Die eigentliche Prüfung war das Ergebnis in Jamaika. Die meistzitierte Auswertung besagt, dass nach etwa 81 Tagen und unter Berücksichtigung der zuvor bestimmten Gangrate ein Fehler von rund 5,1 Sekunden übrigblieb - klar innerhalb der strengsten Vorgaben.

Die Maschine hatte den Atlantik überquert. Und sie wusste immer noch, wie spät es war.

Die Maschine hatte den Atlantik überquert. Und sie wusste immer noch, wie spät es war.

Und selbst das reichte noch nicht

Es wäre ein schöner Schluss: Harrison löst das Problem, die Kommission prüft das Ergebnis, der Erfinder erhält den Preis. Ende.

So ordentlich sind Wissenschaft, Behörden und Geld selten.

Das Board of Longitude hielt eine einzige Prüfung nicht für ausreichend. Fragen zur Reproduzierbarkeit, zur Bewertung des Ganges und dazu, ob andere Uhrmacher vergleichbare Instrumente bauen könnten, blieben offen.

Das Verhältnis verschlechterte sich. 1764 folgte eine weitere große Prüfung nach Barbados. H4 erfüllte erneut die strengsten Anforderungen, doch Auszahlung und Bedingungen wurden zum jahrelangen Streit.

Schließlich waren das Board, das Parlament, der Astronomer Royal Nevil Maskelyne und sogar König Georg III. beteiligt. Harrison erhielt erhebliche Summen, auch wenn die populäre Kurzfassung, er habe einfach 'die 20.000 Pfund Preisgeld gewonnen', die institutionelle Wirklichkeit stark glättet.

Das Wesentliche war inzwischen ohnehin bewiesen: Eine hinreichend genaue Referenzzeit ließ sich über einen Ozean transportieren.

Als Zeit zu Raum wurde

Darin liegt die eigentliche Größe von H4.

Eine Uhr beantwortet normalerweise die Frage: Wie spät ist es?

H4 konnte bei einer zweiten helfen: Wo bin ich?

Kannte der Navigator die lokale Zeit und konnte sie mit einer an Bord bewahrten Referenzzeit vergleichen, ließ sich die Differenz mathematisch in Länge umrechnen.

Zeit war zu Entfernung geworden. Aus der Schwingung einer Unruh konnte am Ende eine Koordinate auf einer Seekarte werden.

Diese Verbindung zwischen Zeit und Position besteht bis heute, auch wenn die Technik völlig anders aussieht. Satellitennavigation funktioniert ebenfalls nur, weil Zeit mit extremer Präzision gemessen wird, um daraus Entfernungen und Positionen abzuleiten.

Harrison erfand natürlich kein GPS. Aber die gedankliche Kontinuität ist erstaunlich: Wer genau wissen will, wo er ist, muss zunächst die Zeit außergewöhnlich gut beherrschen.

H4 war nicht der endgültige Marinechronometer

Die Chronometer, die im 19. Jahrhundert auf immer mehr Schiffen eingesetzt wurden, waren keine simplen Kopien von H4. Pierre Le Roy, John Arnold, Thomas Earnshaw und andere entwickelten Konstruktionen, die die Marinechronometrie vereinfachten und veränderten.

Das Board beauftragte Larcum Kendall sogar mit einer Kopie von H4. K1, 1769 fertiggestellt, reiste später mit James Cook und lieferte eindrucksvolle praktische Belege für die Methode.

H4 war zu kompliziert und zu teuer, um unverändert zur Uhr jedes Schiffes zu werden. Das macht sie nicht weniger bedeutend.

Ihre historische Aufgabe bestand nicht darin, die Bauform aller späteren Chronometer vorzuschreiben. Sie bestand darin zu zeigen, dass etwas, das viele für unpraktikabel hielten, tatsächlich funktionierte.

Die Schönheit einer Maschine, die recht haben musste

Wer heute das Werk von H4 betrachtet, kann schwer entscheiden, wo Ingenieurkunst endet und Kunsthandwerk beginnt. Gravierte Flächen, filigrane Brücken, gebläute Schrauben und polierte Partien ergeben eine Maschine, die zugleich Instrument und Kunstobjekt ist.

Das alles entstand lange vor CNC-Fräsen, Funkenerosion, industriell gefertigten synthetischen Lagersteinen und modernen Fertigungstoleranzen. Jedes Teil musste gedacht, hergestellt, angepasst und zusammengesetzt werden.

Und danach schickte man die fertige Maschine hinaus auf den Atlantik.

Vielleicht fasziniert H4 deshalb noch mehr als zweieinhalb Jahrhunderte später. Nicht, weil sie die genaueste mechanische Uhr aller Zeiten wäre - das ist sie nicht. Auch nicht, weil jede moderne Uhr direkt von ihrer Architektur abstammt.

Sie fasziniert, weil sie zu jener seltenen Art von Maschinen gehört, die unser Verhältnis zur Welt verändern.

Vor Harrison konnte eine Uhr einen Tag ordnen. Nach Harrison konnte eine Uhr helfen, einen Kontinent zu finden.

John Harrison verbrachte einen großen Teil seines Lebens damit, ein paar Sekunden gegen das Chaos des Meeres zu verteidigen.

Am Ende gelang ihm etwas viel Größeres.

Er verwandelte Zeit in eine Koordinate.

H4 in Zahlen

MerkmalH4
Fertiggestellt1759
Projektbeginn1755
TypMarine timekeeper / Präzisionszeitmesser für die Seefahrt
Zifferblatt102 mm Durchmesser
Gesamtmaße165 × 124 × 28 mm
Gewicht1,45 kg
Frequenz5 Halbschwingungen pro Sekunde; 18.000 A/h; 2,5 Hz
HemmungVon Harrison modifizierte Spindelhemmung mit Diamantpaletten
RegulierungEnergiekräftige Unruh mit Stahlspirale und Temperaturkompensation
KraftübertragungFusee/Schnecke, maintaining power und Remontoire
Erste große SeeprüfungHMS Deptford, Reise nach Jamaika, 1761-1762
Zweite PrüfungBarbados, 1764
SammlungNational Maritime Museum / Royal Museums Greenwich

Quellen und Literatur

  1. Royal Museums Greenwich — H4 collection record
  2. Royal Museums Greenwich — Longitude found: the story of Harrison's timekeepers
  3. Royal Museums Greenwich — Octant associated with the HMS Deptford H4 trial
  4. The Seiko Museum Ginza — John Harrison (1693-1776)
  5. Hird, Betts & Pratt — The Diamond Pallets of John Harrison's Fourth Longitude Timekeeper-H4, Annals of Science
  6. Royal Museums Greenwich — K1 by Larcum Kendall
  7. Royal Museums Greenwich — History of the Royal Observatory Greenwich